2 Jahre später; noch immer ich

Liebe Menschen, die dies lesen; Hallo.   dariya

In den letzten zwei Jahren, die ich hier abwesen war, sind Unmengen an Dingen passiert. Ich habe mich vom Vater meiner Kinder getrennt, mit allen Tränen und (Selbst-) Vorwürfen, die dazugehören. Boohooo, alleinerziehend, willkommen im Club der ungekrönten Heldinnen.  Ich bin aus der Scheinselbstständigkeit in den öffentlichen Dienst gewechselt und habe uns einen Kater gekauft.

Ich habe mich sehr verliebt, die Liebe verloren und auf dem Küchenfußboden geweint. Ich habe mich tättowieren lassen, 14 Kilo ab- und 4 wieder zugenommen, die Wohnung umgeräumt und viele viele Bücher gelesen. Ich war zum ersten Mal in Prag, mit meinen Goldjungs am Meer und unendliche viele Male kurz vorm Durchdrehen mit Haushalt, Unterrichtsvorbereitung, Kindererziehung, “Mama, da sind noch ein paar Zettel in der Postmappe” und dergleichen Späßen mehr.

Was mir bleibt, ist die Erfahrung, dass ich noch stärker bin, als ich eh schon wusste und dass meine Freundinnen und meine Familie mich zusammenhalten. die, und Kaffee. Und dass ich trotz aller Stärke keine endlose Energiequelle bin und auf mich achten muss, weil der Laden hier sonst zusammenkracht.

Ich wünsche mir wieder mehr Austausch und Zeit, hahaha, um mitzulesen, was die ganzen tollen Frauen im Netz so denken und schreiben und auch Zeit und Muße für mich, um mir beim Schreiben den Kopf etwas zu leeren.

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Das Bild oben hat eine ehemalige Schülerin von mir mit irgendeiner schicken App gemalt. Im Unterricht. War mir dann egal.

 

 

 

Gestern auf dem Spielplatz

 

“Der hat ja tolle Haare”

“Hmmm”

“Kann man die denn überhaupt kämmen?”

“Ja klar kämmen wir die – bitte NICHT ANFASSEN!”

“Ah ok, mag er das nicht oder was?”

” Es gibt viele Leute, die seine Haare anfassen wollen und für Kinder ist es komisch, wenn fremde Leute sie einfach anfassen.”

“Ah, das verstehe ich”

” Für seine Haare habe ich eine Extrabürste und ich kämme sie nur, wenn sie nass sind oder eingefettet sind, mit Conditioner oder Öl”

“Ist das nicht super viel Arbeit?”

“Naja, ich mache mir ja auch Arbeit mit meinen Haaren, die wasche ich z.B. fast jeden Tag und gehe da manchmal mit nem Lockenstab ran, damit sie nicht so runterhängen. Da kann ich mir mit seinen Haaren ja auch etwas Mühe machen.”

“Stimmt”

 

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Über meinen Kern und wo ich so war

Ich hier. Nach langer Pause und vielen Dingen, einige endlos banal – Wäsche waschen, Wäsche zusammenlegen, Wäsche wegräumen, Krümel wegputzen, Bücher in die Bücherei zurückbringen, Einkaufen-  einige erfreulich: Kaffee trinken mit Menschen, die man mag, zu herzberührender Musik tanzen, Yoga machen und spüren, wie die Rückenmuskeln sich entspannen, sich in Büchern verlieren, die Kinder betrachten und das Ziehen im Herzen begrüßen und diesen einen Moment festhalten wollen für die unvorstellbaren Zeiten, wenn sie noch mehr ihren eigenen Weg gehen werden- und andere herausragend: eine Reise ins Herkunftsland des Freundes mit meiner Mutter und unseren Kindern, ein großartiges riesiges Familienfest, der vierjährige rennt in der Dämmerung mit gleichaltrigen Onkels und Cousinen um das Haus und kreischt ein französisch-deutsches Gemisch, die Erhabenheit der Giraffen. Der Verlust einer geliebten Tante. Mir selbst Aufgaben stellen, um mich aus meiner Komfortzone zu wagen (zu selten); mit einem bis in den Himmel ragenden Kettenkarussell fahren und dabei denken, dass ich vielleicht gleich abhebe, fliegen und dann sterben werde. In Bücher tauchen und trauern, wenn sie ausgelesen sind, weil ich sie nie wieder zum ersten Mal werde lesen können.

 

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Und immer wieder akute Fassungslosigkeit über politische Zustände, Entscheidungen, Diskurse. Ich habe bemerkt, dass ich, die ich früher meist gut über das aktuelle Weltgeschehen informiert war und mit Leidenschaft Diskussionen verfolgt habe, mich massiv zurückgezogen habe. Ich kann nicht glauben, was uns Tag für Tag aufgetischt wird, dass die allerletzte unmenschliche Scheiße immer wieder zu toppen ist.

Mein Rückzug ist klar Eskapismus.

Ich richte gedanklich Wohnungen ein, die ich auf immoscout sehe und mir im Leben nicht werde leisten können. Ich lese Fantasyromane, Adichie, Janet Evanovich, Soyinka, King. Ich lackiere mir die Nägel und erledige den Haushalt.

Oft wenn ich doch das Radio einschalte und die Nachrichten kommen, dann wird mir die Brust eng und mir kommen die Tränen wegen kleinster Textstellen. Durch meinen Rückzug ändere ich die Welt nicht, er ist keine Lösung, aber eine Strategie, um mich weniger verletzlich zu machen. Denn ich muss funktionieren, muss funktional bleiben.

Das irritiert mich zunehmend am Muttersein, wie mein Weg, mein Verhalten sich so teils verselbstständigt hat, wie ich so anders geworden bin als ich es vor meinen Kindern war. Funktionsmodus an: Haferflocken verteilen, Osaft, Löffel, Flecke wegwischen, Spülmaschine ausräumen, Becher aufheben, Küche fegen, Windel wechseln, Anziehen, Zähne putzen, Kaffee, noch mehr Kaffee, hopp, wir müssen uns beeilen, lass das bitte liegen, das ist dreckig, komm! Der Morgenkreis fängt gleich an und an der Straße Stop!

Zu wenig Zeit für Musik und für widerständige Ideen. Oder hätte ich mich auch zu meinem jetzigen Ich entwickelt, wenn ich keine Kinder bekommen hätte? Warum muss ich manchmal wie meine Mutter klingen? Zum Kotzen.
Ich würde meine Kinder nie mehr hergeben wollen, eine merkwürdige Vorstellung, jetzt, wo ich sie kenne. Wie könnte ich ohne sie sein, wo ich jetzt weiß, wie es mit ihnen ist?
Aber das Leben ohne sie und seine möglichen Entwicklungen sind noch irgendwo. In mir oder in der Nähe. Das Leben ohne sie war ganz anders und es wäre weiterhin kein schlechtes gewesen. Das Leben mit ihnen ist ganz anders und bezaubernd, kräfteraubend, normal und warm.

Ich denke, ich sollte es ernsthaft angehen, mit kleine Fluchten zu suchen und gegen meinen eigenen faulen Widerstand durchzusetzen. Ich gehe fast nie aus am Abend und war seit 3 Jahren nicht mehr im Kino.Elternabende in der Kita fühlen sich an wie Ausgehen.

Alter, ich kann nicht glauben, dass ich das eben geschrieben habe!

Durch den Schichtdienst meines Freundes bin ich oft am Abend alleinige Betreuungsperson und kann nicht raus. Wenn ich raus könnte und weiß, dass er aber am nächsten Tag frühdienst hat und ich also von 7-17 Uhr alleine zuständig sein werde, gehe ich lieber schlafen. Denn eine unausgeschlafene Katharina ist eine ungeduldige, unzufriedene, mäkelige Mutter. Und solche Tage mag ich nicht und am Ende solcher Tage mag ich mich nicht mehr.
Außerdem vertrage ich durch die lange Abstinenz während der Schwangerschaften und Stillzeiten GAR keinen Alkohol mehr und wenn ich denn schon ausgehe, will ich`n Gin Tonic, Hallo! Vielleicht werde ich auch nur alt? Ich bin 33.
Aber ich weiß auch, wie gut und ich und selbst ich mich fühle, selbst wenn ich nur einen kleinen Cocktail oder Saft in einem Laden um die Ecke trinken kann und nicht nur Mutter bin.

Wie macht ihr das, um mit eurem Kern in Kontakt zu bleiben, trotz Familien- und/oder Joballtags?
Habt ihr auch manchmal das Gefühl, den Kontakt zu einem Teil von Euch zu verlieren?

An die mit den älteren Kinder, kommt das irgendwann wieder? Mehr Ich, weniger Fremdbestimmung?

Wenn der komische Kommentator wieder auftaucht, der behauptet, ich sei so wütend und solle doch lieber Kuchenrezepte posten:

Fuck you. Meine Kuchenrezepte teile ich mit dir sicher nicht.

Mit vielen Grüßen und der Hoffnung, mir mehr Zeit für hier und meine Gedanken und Eure Blogs und Gedanken und Kommentare freischaufeln zu können (Es ist ja nur eine Frage der Prioritäten! eins 11! Wer sagt “Keine Zeit”, sagt eigentlich “Es ist mir nicht wichtig genug!” 11! Haha, selten so gelacht.)

verbleibe ich freundlichst

Katharina

Piss auf Muttertag

Piss auf Muttertag

Nachdem Me, Myself and I  child sowie fuckermothers sich schon über den Vatertag geäußert haben, möchte ich mich am Vorabend des Muttertages auch noch über ebenjenen auslassen.

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Es tut mir übrigens ein bisschen Leid, dass ich hier mein selbiges klagte, bevor ich mich überhaupt erst mal vorgestellt habe, aber das kommt dann auch noch. Später mal, meine ich.

Meine Meinung zum Muttertag, lässt sich, wie ihr dem Titel dieses Artikels bereits entnehmen könnt, schön zu drei Worten zusammenfassen: Piss auf Muttertag. Niedlich wie es ist, wenn einem die Herzenskinder zerknitterte Blümchen in die Hand drücken: Das ist an jedem anderen Tag genau so niedlich.

Piss auf Muttertag. Heute (bzw. morgen) der Ollen einen Blumenstrauß schenken und dann ist genug mitgedacht. So lese ich die imaginären Sprechblasen über den Köpfen der Brüderles und Stoibers dieser Nation, ach, der Welt.

Noch lieber möchte ich mein Statement auf fünf Worte und eine Ellipse aufblasen und Euch einladen, die Leerstelle zu füllen.

 Piss auf Muttertag, wir wollen…

Ich fang dann schon mal an. 

Wir wollen einen garantierten und einkommensabhängig bezahlten Kitaplatz für jedes Kind ab Geburt, den man nicht in Anspruch nehmen muss, aber kann.

Wir wollen Kitas, die es uns ermöglichen, Vollzeit zu arbeiten, wenn wir das wollen, statt Betreuungszeiten anzubieten wie 9-12 und dann noch mal 14-16 Uhr.

Wir wollen keine Herdprämie, sondern Respekt für individuelle Entscheidungen bezüglich der Kinderbetreuung.Bild

Wir wollen, dass Erzieherinnen und Erzieher  ebenso wie Hebammen und Lehrer_Innen für ihre anstrengende und wichtige Arbeit angemessen bezahlt und anerkannt werden.

Wir wollen ein 13. Monatsgehalt für Erzieher_innen.

Wir wollen die Chance,  unsere Kinder auch in der Kita mit allen zu Hause gesprochenen Sprachen konfrontiert zu wissen, ohne mit 30 anderen Paaren um 2 Plätze  wetteifern zu müssen und sich dabei  selbst anzupreisen.

Wir wollen, dass unsere Hebammen von ihrer Arbeit gut leben können.

Wir wollen, dass die Versicherungsbeiträge für die obligatorische Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen drastisch gesenkt wird.

Wir wollen so gebären können, wie wir wollen und ob wir wollen, ohne verurteilt zu werden.

Wir wollen das Recht auf Adoption  für schwullesbische_  Paare.

Wir wollen Unterstützung für In Vitro Reproduktion für alle Paare.

Wir wollen das Recht auf gemeinsames Sorgerecht für gleichgeschlechtliche Paare.

Wir wollen das Recht darauf, das Sorgerecht auf mehr als 2 Personen zu verteilen.

Wir wollen die Abschaffung des Ehegattensplittings.

Wir wollen finanzielle Unterstützung für studierende Eltern.

Wir wollen, dass Kindergeld und Elterngeld an eine Einkommensgrenze gekoppelt werden.

Wir wollen, dass Aufenthaltbeschränkungen und Schikanen gegenüber nichtdeutschen Eltern aufhören.

Wir wollen die Abschaffung der Residenzpflicht, der Lagerunterbringung und der Gutscheinversorgung für alle Menschen in Deutschland.

Wir wollen, dass die Ausländerbehörden aufhören, Menschen zu schikanieren.

Wir wollen keine Anzweiflungen und Fragestellungen mehr zu Scheinvaterschaften, nur weil ein Elternteil einen unsicheren Aufenthaltsstatus hat.

Wir wollen, dass alle Kinder in Deutschland als selbstverständlich hier lebend und von hier kommend oder hier seiend anerkannt werden.

Wir wollen keine rassistischen Kinderbücher.

Wir wollen keine Rassismus reproduzierenden Debatten über rassistische Begriffe in Kinderbüchern.

Wir wollen unsere Kinder nicht an rassistischen Titelseiten vorbeilotsen müssen.

Wir wollen, dass alle Kinder sich mit ihrer Lebenswelt und ihrem Äußeren in Filmen, Kinderbüchern, Werbung und  Schulbüchern wieder finden.

Wir wollen die Berücksichtigung und Anerkennung  von Schwarzen Beiträgen, Personen, Büchern und Texten im Lehrplan der Schulen und Universitäten.

Wir wollen uns nichts mehr darüber anhören müssen, wie unser Körper aussieht oder aussehen wird nach der Geburt und Schwangerschaft.

Wir wollen sexismusfreie Medien, Kinderbücher und Schulbücher.

Wir wollen, dass die Schnauze gehalten wird, wenn unsere Jungs rosa tragen und Glitzer und lange Haare, wenn sie schön sein wollen, weich sind und Prinzessin sein wollen.

Wir wollen, dass die Schnauze gehalten wird, wenn unsere Mädchen toben, laut sind, Raum einnehmen, kurze Haare tragen, dick oder stämmig oder fett sind.

Wir wollen nicht, dass Männer für Dinge gelobt werden, die bei uns selbstverständlich sind.

Wir wollen kein Elternbashing mehr hören.

Und Hartz-IV-Bezieher_innen-Bashing schon gar nicht mehr.

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Mir fällt immer noch mehr ein und ziehe jetzt hier zu Gunsten meiner Nähmaschine einen Strich.

Ihr seid gerne dazu angehalten, diese offene Liste weiter zu ergänzen, zu modifizieren und zu kommentieren.

Liebste Grüße!

Von Nerven und Kindern und Schlimmen Tagen (groß geschrieben)

Der folgende Text entstand nach einem anstrengenden Tag, an dem ich fast den ganzen Tag für meine beiden Kinder die Hauptbetreuungsperson war.

Das ältere Kind ist fast vier, das jüngere genau ein Jahr alt.

Ich habe mir meine Erziehungsverzweiflung von den Nerven schreiben wollen. Und mich gefragt, wie das andere Leute so machen.

Wenn es dich einmal anlächelt, ist alles vergessen!“ 

 

Nein, so ist das nämlich nicht. Ich vergesse bei einem Lächeln nicht, wenn ich den ganzen Tag als fremdbestimmt,  als anstrengend,  stressig,  nervig empfunden habe, wenn kein Schluck Kaffee, kein Toilettenbesuch möglich ist, ohne dass ein dringendes Anliegen meine Minipause unterbricht, so dass man nicht dazu kommt, sich kurz zu erden, kurz die Schultern locker zu machen und sich zu sagen, dass auch der beschissenste Scheißtag irgendwann vorbei ist.

Wenn ich mich gezwungen sehe, Alltagsabläufe mit harschen Worten oder heftigem Tonfall durchzusetzen, obwohl ich lieber sanfte Worte verwende… Tja, wenn die nichts nutzen? Usw. usf. et cetera pp ad infinitum, die Eltern unter Euch werden diese Tagen kennen.

 

Entlastung ist hier das Zauberwort, aber auch diese ist nur bedingt machbar. Wenn zum Beispiel eine Betreuungsperson  so wie bei uns in der Spätschicht arbeitet und die andere Betreuungsperson darum den Großteil der Kinderbetreuung allein übernehmen muss. Oder wenn jemand allein erziehend ist. Oder keine Familie in der Nähe hat.  Oder keinen Kita-Platz bekommt.  …

Hier jedenfalls der Text:

„Es ist 21 Uhr an einem Samstag, Früher bin ich um die Zeit im Badezimmer verschwunden, um mich auf das Ausgehen vorzubereiten, mit Musik, Kerzen, vielleicht einem Gin und Zigaretten. Gerade bin ich nur dankbar, dass die Kinder seit 19:30 Uhr schlafen und ich dementsprechend seit 1,5 Stunden nicht mehr reden musste.

Heute war einer von den miesen Scheißtagen. Nicht von den ganz schlimmen. Aber schon von denen, von denen ich hoffe, dass sie sich nicht wiederholen. Weil sie weder für mich schön sind, noch für das ältere Kind, das ist drei Jahre und dreiviertel. Das Baby ist noch nicht ein Jahr und hat einen Babybonus, ich glaube, das fand den Tag nicht so schlimm, außer, als ihm auf den Spielplatz Sand ins Gesicht geweht ist.

Ich bin so entnervt gewesen heute, so ungerecht und ungeduldig. Hätte ich mich von außen gesehen, hätte ich mich unsympathisch gefunden.

Hätten die Kinder einen Knopf zum Ausschalten, hätte ich sie heute auf leise gestellt oder gar nicht erst eingeschaltet. Oder erst viel später.

Jetzt liegen sie im Bett, das große Kind im Kinderzimmer auf dem Lammfell mit offenem Mund und das kleine Kind ans Stillkissen geschmiegt im Schlafzimmer auf der großen Matratze.  Sie sehen süß aus, unschuldig, niedlich und ich fühle mich wie die letzte Sau, weil ich sie tagsüber nicht mehr genieße sondern vor ihnen fliehe und während das Baby spielt auf meinem Smartphone Kommentare tippe und Bilder bearbeite.

Ich kenne Menschen, die seit Jahren Kinder haben wollen und mich wahrscheinlich extrem undankbar finden: scheiß jetzt gerade und nur jetzt gerade drauf. Ich habe auch ein Recht darauf, zu meckern und mein Unwohlsein zu formulieren. Wo sind meine Grenzen? Wo werde ich begrenzt? Wo fängt Aufopferung an und was ist normales sich-kümmern(-müssen?)

Niemanden liebe ich mehr, niemanden will ich mehr beschützen und niemand treibt mich immer wieder über meine Grenzen hinaus. Ich habe regelmäßig das Gefühl, dass ich mit dem Rücken zur Wand stehe und meine geistige Gesundheit mit letzter Kraft verteidige und das ist kein schönes Gefühl.

Und es führt dazu, dass ich im Stakkato Befehle blöke, statt das fünfte Mal zu erklären, dass die Schuhe jetzt angezogen werden sollen oder dass ich jetzt bitte bitte mal kurz nichts erklären und keine „Warum?“ –Frage mehr hören will. Weil nach drei Stunden permanenter Fragen und paralleler Kinderbetreuung, Saft wegputzen, Nase wischen, Streits schlichten und „Rabe Socke“-Beschallung mein Hirn einfach eine Pause braucht. So dringend, dass ich losheulen könnte.  Das Kind sagte: „Wieso nicht warum?“

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, die alleinerziehend ist. Sie hat mich gefragt, ob sie ihrem Kind schadet, ob sie zu egiostisch ist, sie hat sich gesorgt, ob sie ihn verkorkst, wenn sie mit ihm meckert, sie hätte manchmal Angst, dass sie ihm irgendwann etwas antut vor Wut und Erschöpfung. Wenn er um halb zehn immer noch nicht schläft und sie weiß, dass sie noch zwei Stunden arbeiten muss, so dass sowohl der Feierabend als auch das frühere schlafen gehen weg fallen.

Wenn er vor Wut dreißig Minuten kreischt, obwohl sie Kopfschmerzen hat. Wenn er auf der Treppe rumtrödelt, wenn sie mit nach der Arbeit mit schweren Tüten auf der Treppe steht und dringend auf die Toilette muss.

Und ich war ihr so dankbar, weil mit solchen Gefühlen die meisten der Mütter, mit denen ich rede – und ich rede mehr mit Müttern als mit Vätern und es sind die Mütter in meinem Umfeld, die sich primär um die Kinder kümmern – doch hinterm Berg halten.

Genervt sein, klar, müde sein.

Aber Erschöpfung, genervt sein bis an den Rand der geistigen Gesundheit, die ausgesprochene Überlegung, ob man mit dem, was man jetzt weiß, sich noch einmal für Kinder entscheiden würde; das kommt eher selten zu Tage. Eher bei den Alleinerziehenden und eher bei denen mit zwei kleinen Kindern, ich nehme an, hier ist der Stresslevel mit am höchsten. Denn je ein Kind finde ich ganz gut zu managen gerade, aber hier soll es nicht darum gehen, wer es am schwersten hat, sondern um die negativen Gefühle, die auch mit dem Muttersein verbunden sind, neben all dem Schönen, um das es hier sicher auch an anderer Stelle noch gehen wird.

Vom Vatersein kann ich nicht schreiben, ich bin keiner und der Vater meiner Kinder, mein Freund, ist nicht so entnervt wie ich von den Kindern, weil er einfach weniger Zeit mit ihnen verbringt nehme ich an.

Er arbeitet im Schichtdienst und hat drei freie Tage, was im Vergleich zu anderen Paaren aller Konstellationen schon mal mehr ist als der Durchschnitt.

Trotzdem bin ich an den Tagen, an denen ich ab 14 Uhr alleine zuständig bin, oft am Ende meiner Kräfte.

Wie machen das Alleinerziehende? Wie geht das, wenn man immer und ständig ansprechbar sein muss, wenn man ständig gebraucht wird und man nie abschalten und nie Radionachrichten hören und nie allein auf die Toilette oder Duschen oder Einkaufen gehen darf?

Das macht mich an vier Tagen in der Woche schon aggressiv, wie hält man das aus, wenn das sieben Tage so geht, die ganze Zeit?

Jedenfalls frage ich mich grade, ob ich derart negative Gefühle überlese? Oder äußert man derartige Gefühle nicht, weil sie nicht zum vorherrschenden Mythos der alles verzeihenden lächelnden kümmernden sorgenden Mutter passen, die sicherlich nicht morgens das Kind festhält, das sich zum dritten Mal die Winterjacke wieder auszieht und dabei so laut schreit: „Ich kündige!“, dass der schichtarbeitende Partner aufwacht.

Vielleicht liest man weniger über so starke aggressive Gefühle den Kindern gegenüber, weil man so froh ist, wenn alles läuft und im flow ist, dass man dann die schlechten Tage verdrängt und vergisst?

Ich kann nicht glauben, dass die Mehrheit der Eltern das nicht kennt.

Ich würde den Text jetzt lieber löschen und so tun, als hätte der heutige Tag nicht stattgefunden.

Als hätte ich nicht rumgeschrieen und mich wieder vertragen und entschuldigt und wieder rettungslos heillos völlig die Nerven erklärt und wieder geschrieen.

Schreien ist Gewalt, hat eine Bekannte von mir gesagt. Ja. Dem stimme ich zu.  Ich bin eh schon viel größer und mächtiger und werde dann auch noch laut. Was soll mir mein Kind da entgegensetzen?  Sie sind so sehr auf mich angewiesen. Ich wünschte, ich würde nicht schreien. Als ich noch keine Kinder hatte und als mein erstes Kind noch jünger war als zwei, fand ich schreiende Mütter eher gräßlich. So verroht und verzweifelt irgendwie, ganz unschön fand ich das und war mir ganz sicher, dass mir so etwas nie unterlaufen würde – das habe ich nun davon.

Meistens tu ich es auch nicht. Ich bin eigentlich ein geduldiger Mensch und streite mich ungern.  Eine Freundin von mir hat mich mal erstaunt gefragt: “Wie kann man sich denn mit dir streiten?” als ich ihr von einem Konflikt mit einer anderen Freundin erzählt habe.

Aber an Tagen wie heute, da fehlt mir die Impulskontrolle. Nicht beim ersten Quatsch, auch nicht beim zweiten Mal gekniffen werden, obwohl man gerade erklärt hat, dass man das nicht macht, es mir wehtut und ich es nicht will. Aber beim vierten Mal, wenn ich aus dem Raum gehe, um Distanz zu erzeugen und das ältere Kind mir immer hinter her kommt und das soeben besprochene Verhalten wieder ausführt, dann schreie ich an Tagen wie diesen so was wie „Lass das jetzt endlich, es reicht mir!“ Und es funktioniert. Aber es fühlt sich nicht richtig an und das Kind weint.

Warum schreie ich? Was reißt da bei mir durch? Ich erkläre immer zuerst. Ich erkläre auch zwei mal und drei mal und werden nachdrücklicher und lauter und dann ist irgendwann Schluss. Ignoriert werden, obwohl ich Argumente liefere. Zusehen, wie absichtlich Regeln gebrochen werden, die wir aufgestellt haben, um uns das Zusammenleben zu erleichtern. Zusehen, wie absichtlich Dreck gemacht wird, den ich werde wegmachen müssen. Meine Grenzen und Kraftreserven einrennen, aufbrauchen, ausschöpfen und erschöpfen. Und wieder und wieder und wieder und dann noch mal.

Natürlich ist er erst drei Jahre und neun Monate alt. Da kann man noch nicht so viel Einsicht erwarten, kann man da Einsicht erwarten? Außerdem entdeckt er seine Autonmie, seinen Willen und trotzt ganz schön. Das darf er auch.  Ich mag Kinder mit einem starken Willen. Es gefällt mir, wenn er nicht alles mit sich geschehen lässt, seine Meinung hat, die verteidigt und behalten will.  Vor kurzem hat ihn einer der Nachbarn geärgert, indem er das Kind an seinem Hosenträger zog, das war sicher unangenehm. Das Kind schrie:” Heeeey! Bissa bissa Hosenschisser! Lass das!” und mein Herz war voller stolzer Liebe, wie dieser 106 cm große Knirps mit seinen drei Jahren einen über 30jährigen Mann von 1.85 m ansschnauzte.  Er soll sich ruhig verteidigen, aber er soll auch lernen, Konflikte vernünftig auszutragen. Was für ein Beispiel bin ich da, wenn ich ihn anbrülle? Einerseits.

Andererseits habe ich nur ein begrenztes Kontigent an Geduld und Nerven zur Verfügung und ich behaupte, dass das ein großes ist.  Ich rede und erkläre immer zuerst, versuche, mich dabei klar und deutlich auszudrücken, stelle keine unverhältnismäßigen Regeln auf. Wenn ich von Regeln spreche, dann von elementaren Dingen des Zusammenlebens wie dem kleineren Kind  keine Sachen wegzunehmen oder mich nicht zu hauen oder keine Dinge auf Menschen zu werfen.

Und habe ich nicht auch ein Recht darauf, dass meine Grenzen gewahrt werden? Und diese zu verteidigen? Muss ich immer an den Rand meiner Erschöpfung gehen müssen? Andererseits.

„Morgen machen wir es uns schön“, habe ich zum einschlafenden Kind gesagt.

„Mehr als heute“ hat er gesagt.

„War heute nicht so schön, hm? Ein meckeriger Tag?“

„Ja, du meckerst immer heute.“

Morgen machen wir es besser, ok?“

„Jaaa!“                            “

Der Text hat seinen Zweck insofern erfüllt, als dass ich mich danach etwas entspannter gefühlt habe. Lasst es raus!

Ich würde gerne von euch hören, wie ihr mit so Kacktagen umgeht. Verzeiht ihr euch die, weils manchmal nicht anders geht? Oder habt ihr nie solche Tage?

Mir hilft es am besten, wenn ich andere Leute um mich habe, andere Mütter mit Kindern, so dass ich nicht die Hauptentertainerin bin.. Aber das geht manchmal auch nicht, wenn die Kinder krank sind zum Beispiel (aber gesund genug, um mit Zwiebeln auf die Tapete zu zielen oder selbige abzureißen).

Ich habe schon eine deutliche Entspannung bemerkt, seit das Wetter  endlich wieder besser ist, so dass die Nachmittage nach der Kita wieder komplett im Freien verbracht werden können. Die Sonne hebt unsere Laune und auf dem Spielplatz vergeht die Zeit angenehmer und schneller als zu Hause. Die Wohnung wird nicht verwüstet, man kann Eis zusammen essen, Tiere beobachten und durch die frische Luft sind die Küken auch schneller müde (meine beiden jedenfalls).

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Manchmal hilft nur Zucker

Ich besuche jetzt einen Yoga-Kurs, vielleicht ist das auch ein guter Schritt in die richtige Richtung. Also die Hoffnung ist, dass wenn ich mich regelmäßig entspanne (und, ganz nebenbei, etwas ganz ohne Kinder mache, sogar ohen reden!! eins elf) meine Nerven besser werden oder ich gelassener werde. Auch nach mehreren umgekippten Saftgläsern, geworfenen Zwiebeln und zerrissenen Kinderbüchern.

Bei Gesprächen mit Freundinnen wurde von allen der Punkt “Entlastung” als Haupt-Ent-Nervungsmoment genannt; also Dinge ohne Kinder unternehmen, mal nicht zuständig sein müssen, Arbeit abgeben.

Wie gesagt, ist das nicht allen immer so möglich, etwa auch aus finanziellen Gründen; ein Babysitter kostet Geld (eine Leihoma übrigens auch).

Was sind Eure Strategien für den Umgang mit Kacktagen und Stress?

Wie ent-lastet ihr Euch?

PS: Kommentare, die implizieren, ich würde es nicht auf die Ketten kriegen, müsste das aushalten, weil ich es mir selbst so gewählt habe oder weil es ja auch irgendwann vorbei geht, werden von mir mit Kackwindeln bedacht und ignoriert oder gelöscht.

Poopooheads are everywhere – Schwanger sein

Der folgende Text befasst sich mit weiblicher Körperlichkeit und Zuschreibungen während der Schwangerschaft. Er ist während meiner letzten Schwangerschaft entstanden, das Kind ist jetzt 11 Monate alt.

“Wusstet ihr, dass ihr im Falle einer Schwangerschaft nach allgemeiner Auffassung irgendwie  zu Allgemeingut werdet? 
ImageIch wusste das bis vor meinen Schwangerschaften nicht.
Ihr, das heißt vor allem, euer Körper. Wie er aussieht. Was man ihn zuführt. Man muss ständig zur Ärztin, wird gewogen, geultraschallt, man gibt Urinproben ab, man gibt Blutproben ab, lässt sich abtasten und befragen und das macht man auch alles einigermaßen selbstverständlich, denn es ist ja für das Kind.
Aber die Leute fangen plötzlich ungefragt an, eine mit  Ratschlägen zu überhäufen darüber, was man alles soll oder nicht soll.
Klar trinke ich weniger Kaffee und keinen Alkohol, natürlich rauche ich nicht und ich esse keine rohen Eier (ihhh! sowieso nie nicht) und mache mir Gedanken über Toxoplasmose und die richtigen Mittel, den Bauch einzuschmieren (damit ich ja keine Schwangerschaftsstreifen kriege! Oh, zu spät. So ungefähr 13 Jahre mindestens.)

Dann kommen aber auch noch solche Ratschläge wie:
“Du weißt schon, dass du keinen Mozarella/Tapioka/vegetarische Sushi mehr darfst…”
“Du weißt schon, dass  du   nicht auf Stühle steigen/Fahrradfahren/ heiß baden/Pfefferminztee trinken solltest…”

Und das von Leuten, die noch nie schwanger waren und auch nicht vorhaben, es jemals zu werden.
Von Leuten, mit denen ich zufällig im Bus sitze oder die ich im Supermarkt am Gemüseregal treffe.

Jeder hat was beizutragen. Jeder darf mal kommentieren und weiß was und jeder darf plötzlich meinen Körper beurteilen und mit dem vorherigen Zustand vergleichen.
Ich finde es ja ganz  lieb, wenn Leute sich mit mir freuen und eigene Geschichten zu erzählen haben. Als geduldiger Mensch, dazu erzogen, zu zu hören und nett zu sein, höre ich auch gerne zu und bin nett und freue mich über Anteilnahme.
Ich finde es aber übergriffig, wenn mein Aussehen permanent kritisch kommentiert wird und mir vielleicht auch noch ohne zu fragen an den Bauch gefasst wird. sowas passiert. Fremde Verkäuferin im Lush-Shop und ich so: Öhhhhhhhhh… ähhhh.
Zusätzlich bekommt man an allen Ecken und Enden Broschüren hinterhergeschmissen, in denen steht, wie man sich richtig zu verhalten hat.
Kein Wunder, dass das Internet, soll heißen einschlägige Foren für Schwangere, voller verunsicherter Frauen ist, die kein vegetarisches Sushi essen, falls bei der Zubereitung ebenjener das selbe Messer verwendet wurde, mit dem auch roher Fisch geschnitten wurde.

Und ich kann mittlerweile keine Kommentare zu meinem Gewicht und meinem Bauch mehr hören: Als ob ich mir nicht selber Gedanken zu dem Thema machen würde, obwohl ich es viel lieber hätte, wenn es mir völlig wumpe wäre.

JA, ich habe zugenommen, JA, auch im Gesicht, JA, mein Bauch ist echt wirklich richtig groß, JA JA JA JA !
JA, ich denk dran, dass das alles wieder runter muss, was, ob ich Wassereinlagerungen habe? Und du so?
Meine Haut ist schlecht geworden? Schuppig am Mund? Vielen Dank. Ja, das muss wohl an den Hormonen liegen.

Ich bin schwanger verdammt. Ich mach mir nach der Geburt irgendwann wieder Gedanken über meine Figur, erstmal muss ich ein Kind aus mir rauskriegen und es in unser Leben integrieren.

Unser Nachbar hat jetzt seit Wochen immer wieder Witze über mich und großen Bauch gemacht inklusive Parodie meines wohl watschelnden Ganges. 

Vor ein paar Tagen habe ich ihn ganz freundlich gefragt, was er glaubt, wer zuerst entbindet, er oder ich? Denn er hat unschwanger mehr Kugelbauch als ich. Jetzt gibt er Ruhe und fragt nur, wie es mir geht.^^

Sorry für das Gemeckere, aber echt: Man kann doch einfach mal die Klappe halten. “

Ach, das mit dem Sorry nehme ich zurück. Als Frau bekomme ich seit meiner frühen Kindheit erklärt, was von meinem Körper erwartet wird in punkto Aussehen, Schrittfestigkeit, Form, Farbe, Größe, Umfang…. da ist es nur konsequent, wenn sich das in die Schwangerschaft weiterzieht. Zum Kotzen.